Aktuelles | Vorträge

 

Vorträge des Mindener Geschichtsvereins in der Saison 2020/21

Der Eintritt zu allen Vorträgen ist frei.

 

Aufgrund der COVID-19-Pandemie können sich die Veranstaltungsorte kurzfristig ändern. Ebenso können Vorträge ausfallen, Zugangs-beschränkungen oder eine namentliche Anmeldung erforderlich sein. Aktuelle Informationen dazu finden Sie auf der Internetseite des Mindener Geschichtsvereins und in der Presse.

 

Alle Veranstaltungen werden gemäß den geltenden Hygienevorschriften stattfinden. Bitte bringen Sie Ihre Mund-Nasen-Bedeckung mit. 

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Dienstag, 27. Oktober 2020, 19.30 Uhr

Petri-Kirche, Ritterstraße 5–7, Minden

Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl

„Kritische Tage erster Ordnung“ –

Der Wittekindshof im Nationalsozialismus

 

Die „Westfälische evangelische Heilerziehungs-, Heil- und Pflegeanstalt Wittekindshof“ in Volmerdingsen bei Bad Oeynhausen hatte ab 1933 an vielen Fronten zu kämpfen. Das Fortbestehen als Einrichtung der Inneren Mission war durch die „Gleichschaltung“ in Frage gestellt. Die finanzielle Basis der Arbeit geriet ins Wanken. Die durch die NS-Kirchenpolitik verursachten innerkirchlichen Spannungen und Spaltungen drohten auf die Anstaltsgemeinde überzugreifen. Das von den Nationalsozialisten propagierte Konzept einer „differenzierten Fürsorge“ setzte die Arbeit des Wittekindshofes unter einen ständigen Rechtfertigungsdruck gegenüber Politik, Presse und Öffentlichkeit, mehr noch: Es stellte potentiell das Lebensrecht geistig behinderter Menschen in Frage und nötigte die Anstalt zur Mitwirkung am NS-Sterilisationsprogramm. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs sollte sich der Wittekindshof schließlich vor die größte Herausforderung seiner Geschichte gestellt sehen: die Konfrontation mit dem staatlich organisierten Massenmord an Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Im Oktober/November 1941 wurden insgesamt 958 Bewohnerinnen und Bewohner abtransportiert, von denen über 400 bis zum Kriegsende ums Leben kamen. Der Vortrag bietet – auch anhand neuer Quellenfunde – einen Überblick zum Überlebenskampf des Wittekindshofes im „Dritten Reich“.

 

Dr. Hans-Walter Schmuhl (geb. 1957), außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld, stellvertretender Leiter des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel, selbstständiger Historiker. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des National­sozialismus, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, Diakoniegeschichte.

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Dienstag, 10. November 2020, 19.35 Uhr

Online und live unter

https://youtu.be/37t9W3Eu7Lc

Vorher Begrüßung des Vorsitzenden Peter Kock (4 Minuten)

https://youtu.be/olreuR50wEo

 

Prof. Dr. Peter Brandt, Hagen

Revolution und Republikgründung 1918/19.

Die deutschen Ereignisse im internationalen Kontext

 

Infolge der militärischen Niederlage kam es im Herbst 1918 zum revolutionären Umsturz der politischen Ordnung in Deutschland. In einer zweiten Phase der Revolution setzten sich die Befürworter der parlamentarischen Demokratie gegen radikalere rätesozialistische Bestrebungen eines Teils der Arbeiterschaft durch, wobei jedoch wesentliche Anliegen auch der gemäßigten Segmente der Arbeiter- und Volksbewegung vom November nicht zum Zuge kamen. Die deutschen Ereignisse gehörten zu der internationalen demokratischen, nationalemanzipatorischen und sozialrevolutionären Welle, die ganz Europa am Ende des Ersten Weltkriegs und in der unmittelbaren Folgezeit erfasste, ausgehend vom Sturz des Zarismus in Russland im März 1917.

 

Peter Brandt, Prof. Dr. phil. habil., (geb. 1948) war von 1989–2014 Leiter des Lehrgebiets Neuere deutsche und europäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen und von 2003–2017 Direktor des interdisziplinären Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften ebd. Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu einem breiten Themenspektrum der deutschen und europäischen Geschichte des 17.–20. Jahrhunderts, daneben politische Publizistik, Herausgeber des Online-Magazins GlobKult, diverse Ehrenämter, u. a. im Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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Dienstag, 8. Dezember 2020, 19.30 Uhr

BÜZ, Johanniskirchhof 1, Minden

Jun.-Prof. Dr. Christine Fertig, Münster

Neben dem Hof. Heuerlinge, Tagelöhner und Handwerker

in der ländlichen Gesellschaft (17. bis 19. Jahrhundert)

 

Die ländlichen Gesellschaften Europas waren schon vor der Moderne von einer überraschenden Vielfalt gesellschaftlicher Gruppen geprägt. Neben den Bauern traf man in den Dörfern zunehmend Menschen an, die ein oder auch mehrere Gewerbe betrieben, um ihre Familien zu ernähren. Für viele europäische Regionen hat die Forschung in den letzten Jahren zeigen können, wie divers die dörfliche Bevölkerung war. Neben Bauern, die tatsächlich von ihrem Hof leben konnten und oftmals auf externe Arbeitskräfte angewiesen waren, standen Bauern mit kleinen Höfen, die ihre knappen Erträge durch Gewerbe, Lohnarbeit oder saisonale Wanderarbeit ergänzen mussten. Handwerker fand man in den Dörfern wie in der Stadt, landwirtschaftliche Tagelöhner waren weit verbreitet, und in manchen Regionen, wie dem Mindener Land, lebten viele Familien von der Herstellung von Textilien, die bis in den atlantischen Raum verkauft wurden. Der Vortrag stellt neue Forschungsergebnisse zu den ländlichen Gesellschaften und ihren Bewohnern vor.

 

Jun.-Prof. Dr. Christine Fertig (geb. 1972) ist Juniorprofessorin für Neuere und Neueste Geschichte mit Schwerpunkt Sozialgeschichte an der Universität Münster. Sie hat über Familien und soziale Netzwerke in der ländlichen Gesellschaft Westfalens promoviert und forscht in Kooperation mit einer internationalen Gruppe von Historiker*innen zur sozialen Lage unterbäuerlicher Schichten. Weitere Forschungsgebiete stellen die Entwicklung von materieller Kultur und Konsum in der Vormoderne und die digitalen Geschichtswissenschaften dar. 

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Dienstag, 19. Januar 2021, 19.30 Uhr

Hansehaus, Papenmarkt 2, Minden

Jürgen Sturma

Kunsthandwerk oder regionale Identität?

Stickereien in den Schaumburger Trachten

 

Der südöstliche Bereich des Mindener Landes zählt volkskundlich zum Schaumburger Einflussbereich. Hier wurden Stickereien verwendet, die besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Kleidungsstücke dominierten. Die Volkskundler des 20. Jahrhunderts haben sich in der Regel auf die Beschreibung der zeitgenössischen Stickereien beschränkt und sich nicht mit der Entwicklung der Muster in den verschiedenen Landschaften auseinandergesetzt. Neben der Frage nach den Herstellern der Stickereien, beschäftigt uns heute nicht nur wann die bestickten Trachtenstücke in die Kleidung der bäuerlichen Gesellschaften aufgenommen wurden, sondern auch wie sie sich entwickelt haben. 

Beispielhaft werden aus etwa 200 untersuchten bestickten Objekten, ausgewählte Kleidungsstücke der sogenannten Friller und Bückeburger Tracht in diesem Vortrag vorgestellt, um die Wechselwirkung zwischen Hersteller, Kunde und Trachtenregion genauer zu betrachten.

 

Jürgen Sturma, Diplomstudium der Biologie an der TU Braunschweig, wissenschaftlicher Koordinator bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen zu regionalhistorischen und volkskundlichen Themen, insbesondere über die so genannten Schaumburger Trachten und die Trachten der Schönhengster Sprachinsel in Mähren.

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Dienstag, 16. Februar 2021, 19.30 Uhr

Haus am Dom, Kleiner Domhof 30, Minden

Frederike Maria Schnack M.A.

Zwischen geistlichen Aufgaben und weltlichen Herausforderungen.

Die Handlungsspielräume der Mindener Bischöfe von 1250 bis 1500.

 

Geht es um heutige Bischöfe und Erzbischöfe, denkt man sicherlich an hochrangige Würdenträger, die allein mit geistlichen Belangen rund um ihre (Erz-)Diözese befasst sind. Das Mittelalter bietet da ein ganz anderes Bild: Die Bischöfe von Minden waren zwar die kirchlichen Oberhirten ihres Bistums, daneben aber – genau wie die übrigen geistlichen Fürsten des Heiligen Römischen Reiches – Landesherren, die immer wieder in absolut weltlichen Fragen agierten. Diesem Spannungsfeld aus geistlichen Aufgaben und weltlichen Herausforderungen widmet sich der Vortrag mit speziellem Blick auf Minden: Auch wenn sich Bischöfe wie beispielsweise Ludwig von Braunschweig-Lüneburg (reg. 1324‒1346) auf ihren Siegeln rein als friedfertige Männer der Kirche abbilden ließen, führten sie doch Fehden und Kriege mit benachbarten Herrschern. Streitigkeiten mit der Kathedralstadt, verwandtschaftliche Beziehungen, die Burgenpolitik, finanzielle Engpässe, ja sogar Gefangenschaften, Raubzüge und Überfälle prägten einerseits die bischöfliche Politik, zu der andererseits geistliche Aspekte wie Konzilsteilnahmen, Kontakte zum Papsttum und die Gewährung von Ablässen gehörten. Dieses vielgestaltige episkopale Wirken soll im Vortrag anhand eines Panoramas über 250 Jahre bischöflicher Geschichte in Minden nachgezeichnet werden.

 

Frederieke Maria Schnack M.A. (geb. 1990) studierte von 2009 bis 2014 die Fächer Geschichte und Deutsch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Université de Fribourg (Schweiz). Seit 2015 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Regionalgeschichte der Kieler Universität und wurde im Januar 2020 mit einer Arbeit zu den Handlungsspielräumen der Mindener Bischöfe im Spätmittelalter promoviert.

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Dienstag, 16. März 2021, 19.30 Uhr

Windmühle Eickhorst, Im Mühlengarten 23, 32479 Hille-Eickhorst

Sebastian Schröder M.A.

Gegen ein „Verlieren für immer“ –

Mühlenverein und Mühlenerhalt im Kreis Minden-Lübbecke

 

Im Laufe des 20. Jahrhunderts legten etliche Müller ihre Mühle still. Die historischen Bauwerke verfielen. Ihnen drohte der Abbruch. Dass sich im Minden-Lübbecker Land bis heute zahlreiche alte Mühle präsentieren, ist dem Wirken des 1978 gegründeten „Mühlenvereins des Kreises Minden-Lübbecke“ zu verdanken. Die Vereinsmitglieder kämpften gegen ein „Verlieren für immer“, womit die drohende und endgültige Zerstörung der technischen Denkmäler gemeint war. Doch wie kam es zur Gründung des Vereins? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Vortrags von Sebastian Schröder. Außerdem schildert er die Geschichte des heimischen Mühlenwesens seit dem 19. Jahrhundert. Dabei analysiert der Referent vor allem die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft sowie das sogenannte „Mühlensterben“ der 1950er- und 1960er-Jahre. Schließlich stellt er beispielhaft einige Mühlenstandorte aus dem Kreis Minden-Lübbecke vor.

 

Sebastian Schröder M.A., Studium der Geschichte und der Wirtschaftswissenschaften in Bielefeld und Münster. Seit 2016 Promotion an der Abteilung für Westfälische Landesgeschichte an der Universität Münster. Seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter am dort angesiedelten Institut für vergleichende Städtegeschichte im DFG-Projekt „Des Königs neue Steuer. Akzisestädte in Westfalen“. 2019 erhielt er den Geschichtspreis des Mindener Geschichtsvereins für seine Masterarbeit „Die Lübbecker Mark“. Zum Vortragsthema legte er 2018 die Studie „Am Anfang war Meßlingen? Mühlenerhalt und Mühlenverein im Kreis Minden-Lübbecke“ vor.

 

 

Vortragsprogramm des Mindener Geschichtsvereins 2020/2021
Flyer Vorträge 2020-2021.pdf
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