Aktuelles | Vorträge

Die Vortragssaison 2015/16 ist beendet. Unsere nächste Vortragsreihe 2016/17 beginnt im Oktober 2016. Das genaue Programm erscheint bis Ende April. 

 

 

Vortragssaison 2015/16

 

  • Dr. Hedwig Schrulle: Die Bezirksregierung Minden während der NS-Zeit. Verwaltungshandeln im diktatorischen Machtstaat, 20.10.2015, 19.30 Uhr, Preußen Museum Minden

 

Mit dem politischen Machtwechsel von 1933 wurde auch die staatliche Verwaltung in das Handeln des nationalsozialistischen Unrechtsregimes eingebunden. Den Bezirksregierungen als staatliche Mittelinstanz fiel bei der  nationalsozialistischen Machtentfaltung und -sicherung sowie bei der totalitären Durchdringung der Gesellschaft eine wichtige Rolle zu. Allerdings sind auch im diktatorischen Machtstaat Behörden und Beamte keineswegs nur „kritiklose Befehlsempfänger“, vielmehr ergeben sich bei der Umsetzung politischer Programme im Verwaltungsvollzug immer auch gewisse Handlungsspielräume. Diese Spielräume im Spannungsfeld von äußerem Druck und freiwilliger Selbstanpassung wird die Historikerin Dr. Hedwig Schrulle in ihrem Vortrag für die Mindener Bezirksregierung aufzeigen. An Beispielen aus verschiedenen Aufgabenfeldern wie Personalpolitik, Schul- und Medizinalverwaltung sowie der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden wird das Handeln der Mindener Bezirksregierung exemplarisch aufgezeigt.

Hedwig Schrulle hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Geschichte und Englisch studiert und wurde dort 2009 mit einer Dissertation zur  regionalen Verwaltungsgeschichte Westfalens („Verwaltung in Diktatur und Demokratie. Die Bezirksregierungen Münster und Minden/Detmold von 1930 bis 1960“) promoviert.  

 

  • Stefan Rethfeld (Münster): Neue Raumbildung in alter Stadt:

Das Rathaus von Minden von Harald Deilmann 1974-78 , 10.11.2015, 19.30 Uhr, Großer Rathaussaal im Rathaus Minden

 

Das 1978 eröffnete neue Rathaus in Minden versteht sich mehr als Struktur denn als Einzelhaus: Unterhalb des Domes gelegen, verbindet es als gelenkiger Zwischenbau das historische Rathaus mit dem alten Regierungsgebäude am Großen Domhof. Als neuartiges Haus für die Bürger soll es Innen wie Außen Räume des Öffentlichen bilden. Heute – nahezu 40 Jahre später – haben sich Anforderungen als auch der Blick auf dieses Bauwerk verändert. Gegner und Befürworter fordern sämtliche Varianten des Umgangs: Sanierung, Erhalt, Umbau oder gar Abriss. Doch wie lässt sich das Bauwerk architekturgeschichtlich einordnen? Welches Entwurfskonzept liegt dem Bau zugrunde? Über welche Stärken und Schwächen verfügt es? Und inwieweit kann das flexibel angelegte Bauwerk selbst eine Antwort geben auf neue Nutzungen und Raumfolgen? Der Vortrag beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Deilmann-Baus. Beispielhaft soll die Entwicklung des Rathauses anhand von vergleichbaren Projekten dargestellt werden (z.B. West LB Dortmund, Provinzial-Versicherung Münster).

Stefan Rethfeld, Dipl.-Ing. Architekt / Journalist, Architekturstudium in Berlin und in Wien / Diplom, seit 1999 selbstständig als freier Architekt und Journalist mit den Schwerpunkten Architekturforschung, Projektentwicklung und Architekturvermittlung. Promotion zum Werk des Architekten Harald Deilmann (1920-2008): Ein Gestalter seiner Zeit.

 

  • Dr. Anke Hufschmidt: Das Wandern ist der Buchbinder Lust? Handwerk und Mobilität von der Mitte des 18. bis in das frühe 19. Jahrhundert nach dem Einschreibbuch der Mindener Buchbindergesellen, in Kooperation mit dem KAM, 8.12.2015, 19.30 Uhr, voraussichtlich KAM

 

Das Mindener Einschreibbuch ist ein wertvolles Dokument der Handwerksgeschichte und zugleich eine hervorragende Quelle. Allein zwischen 1752 und 1808 trugen sich 477 Gesellen in das Buch ein. Sie gaben an, wo sie geboren waren, von wo sie anreisten und ob sie Arbeit gefunden hatten. Darüber hinaus finden sich weitere aufschlussreiche Eintragungen. Durch den Vergleich mit den Einschreibbüchern aus Paderborn und Lemgo möchte der Vortrag verschiedene Perspektiven auf das soziale und wirtschaftliche Leben der Buchbinder in Minden eröffnen und Aspekte frühneuzeitlicher Mobilität thematisieren.

Dr. Anke Hufschmidt, Historikerin, stellvertretende Leiterin des LWL-Freilichtmuseums Hagen, Westfälisches Landesmuseum für Handwerk und Technik

 

  • Prof. Dr. Barbara Stambolis (Paderborn): Aufgewachsen in „eiserner Zeit“. Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, 12.1.2016, 19.30 Uhr, Kleines Theater am Weingarten

 

Welche Erfahrungen haben unsere Urgroßeltern oder Großeltern als Kinder oder Heranwachsende im Ersten Weltkrieg gemacht? Welchen seelischen Belastungen waren sie und ihre Familien ausgesetzt? Eine große Zahl von Kindern wuchs ohne Vater auf. Viele Mütter waren überbeansprucht und erschöpft; Kinder und Heranwachsende übernahmen früh Verantwortung und waren oft sich selbst überlassen. Zudem endete ihre Not 1918 keineswegs. Sie fand vielmehr in den Wirren von Revolution, Inflation und schließlich auch der Weltwirtschaftskrise eine Fortsetzung. Die Lyrikerin Mascha Kaleko hat diese Generation „Kinder der eisernen Zeit“ genannt. Unter Einbeziehung von Erfahrungsgeschichten, zahlreichen Illustrationen und weiteren Dokumenten – nicht nur, aber auch aus dem westfälischen Raum – werden Facetten des Aufwachsens im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Professor Dr. Barbara Stambolis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn; Forschungsschwerpunkte: Studien zu Jugend- und Generationengeschichte im 20. Jahrhundert

 

  • Dr. Dr. Michael Knüppel (Göttingen): Die Teilnehmer der „Sibirien-Sektionen“ der Jesup North Pacific Expedition und deren politisch-gesellschaftliche Hintergründe – ein Überblick , 2.2.2016, 19.30 Uhr, Preußen Museum Minden

 

Eine der wohl größten Leistungen des Begründers der kulturrelativistischen Schule, der Sozialanthropologie und Mitbegründers der modernen Ethnologie, der aus Minden stammende Franz Boas (1858-1942), war zweifelsohne die Organisation der Jesup North Pacific Expedition (1897-1902). Dieses heute weithin aus dem Blickfeld geratene Unternehmen, das vor allem auf die Ermittlung der Zusammenhänge zwischen den Autochtonen des Nordwestens des amerikanischen Doppelkontinents und den Ethnien des östlichen Sibiriens abzielte, stellte die bis dahin umfassendste interdisziplinär angelegte Unternehmung dieser Art dar. Während die Ergebnisse der nordamerikanischen Sektionen der Expedition stets rezipiert wurden und das Forschungsprojekt einige Bekanntheit genoss (nicht zuletzt aufgrund der Rolle von Fran Boas), waren die Bemühungen in Sibirien eher nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt – obgleich diese von einigen der bedeutendsten Sibiristen ihrer Zeit getragen wurden: Bogoraz, Iochel’son und Šternberg. In seinem Vortrag wird der Referent auf eine Reihe von Gemeinsamkeiten des Hintergrundes dieser weit über ihre Zeit hinausragenden Gelehrten eingehen.

Dr. Dr. Michael Knüppel, Tungusologe, Altaist, Turkologe und Ethnologe; 1998 Promotion in der Turkologie und 2007 in der Ethnologie; z. Zt. wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Katalogisierung orientalischer Handschriften in Deutschland (KOHD).

 

  • Dr. Gisela Wilbertz (Hannover): "... damit der hohen Obrigkeit Satisfaction und Ehre verschaffet werde ...". Alltag und Lebenswelt von Scharfrichtern in der Vormoderne, 1.3.2016, 19.30 Uhr, Offene Kirche St. Simeonis

 

Noch vor 250 Jahren konnte man in vielen Städten dem Scharfrichter begegnen. War er tatsächlich der anonyme Kapuzenmann mit dem geschulterten Beil und dem Henkerstrick, dem man überall aus dem Weg ging? Wie in Wahrheit sein Alltag und seine Lebenswelt aussahen, wird dieser Vortrag zeigen. Die Verhältnisse in Minden werden dabei an erster Stelle stehen. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung des Scharfrichterberufs seit dem Spätmittelalter bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts, berichtet über die charakteristische Verbindung zur Abdeckerei und zur Chirurgie und beantwortet die Frage nach Integration oder Nichtintegration in die Gesellschaft der Zeit.

Dr. Gisela Wilbertz, Studium der Geschichtswissenschaft, Romanistik und Volkskunde in Münster und Hamburg, zuletzt Leiterin des Stadtarchivs Lemgo.

 Forschungen zur Sozial- und Kulturgeschichte in der Vormoderne, zur jüdischen Geschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Hexenverfolgung.

 

 

 

Vortragsreihe 2015/16
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